In dieser Woche erschien der 8. Alternative Drogen- und Suchtbericht 2021, in dem es in diversen Beiträgen um Cannabis als Medizin sowie als Genussmittel geht. Wir widmen uns an dieser Stelle in kurzer Form den Beiträgen zu Modellprojekten, Cannabiskonsum in Corona-Zeiten sowie der besorgniserregenden Verbreitung von synthetischen Cannabinoiden. Interessierten empfehlen wir aber auch die Beiträge zu Cannabis als Medizin und den Bericht in Gänze zu lesen.
Befragung zum Berliner Modellprojekt
Im Zuge der Planungen des Berliner Modellprojekts, zu dem es in dieser Woche nach längerer Pause Neues zu berichten gab, wurden auch Cannabiskonsumierende zu ihren Vorstellungen und Erwartungen an ein Modellprojekt befragt. Die Autoren Kalke, Manthey, Rosenkranz, Rehm und Verthein kommen hierbei zu dem Schluss,

“dass sich die – zu einem erheblichen Teil hochfrequenten – Cannabiskonsumierenden mehrheitlich einen eher niedrigschwelligen wissenschaftlichen Modellversuch mit Konsummöglichkeit vor Ort, ein großes Produktangebot und höhere Abgabemengen wünschen. Wichtig ist ihnen dabei der Konsumentenschutz.”

Nicht alle Wünsche der Befragten eine große Produktauswahl und Preise unterhalb des Schwarzmarktes seien mit der Konzeption des Berliner Modellversuchs vereinbar. Allerdings gehe aus der Befragung hervor, dass sich eine ausreichende Anzahl von Cannabiskonsumierenden an einem wissenschaftlichen Modellversuch beteiligen würde. Ebenfalls wurde festgehalten, dass sich ein erheblicher Teil der Befragten schlecht informiert fühlt über die Cannabisprodukte, die sie auf dem Schwarzmarkt erwerben:

 

“Sie kennen den THC-Gehalt nicht und wissen nicht, ob gesundheitsgefährdende Streckmittel enthalten sind, was wiederum im Zusammenhang mit den Bezugsquellen stehen dürfte. Hier zeigt sich ein gesundheitspolitischer Handlungsbedarf für einen verbesserten Konsumentenschutz. Die Durchführung eines wissenschaftlichen Modellversuchs zur kontrollierten Abgabe von Cannabis könnte auch diesbezüglich wertvolle Erkenntnisse erbringen”

,so das Fazit der Autoren.

Cannabiskonsum und Situation auf dem Schwarzmarkt in der Corona-Pandemie
Das Frankfurter Centre for Drug Research führte während der Corona-Pandemie zwei Erhebungen (die erste im April und Mai 2020, die zweite Mai 2021) durch um zu untersuchen, welche Coronabedingten Auswirkungen Konsumenten auf dem Cannabismarkt sowie bei ihren Konsumgewohnheiten beobachteten. Die Autoren Kamphausen und Werse wollten mit ihren Befragungen herausfinden, inwiefern die Beschränkungen in Lockdownzeiten einen Einfluss auf Versorgung und Konsum von regelmäßig bis intensiv Konsumierenden haben, die sich auf dem Schwarzmarkt mit Cannabisprodukten eindecken.
Entwicklung des Konsums
Angesichts der Tatsache, dass die Befragung schwerpunktmäßig Personen mit regelmäßigen bis intensiven Konsummustern erreichte, sind Gelegenheitskonsumenten eher wenig vertreten und somit unterrepräsentiert. Mit Blick auf die Entwicklung des Konsumverhaltens halten die Autoren fest:

“Entsprechend der Antworten hat es seit Beginn der Pandemie v.a. eine Verschiebung von weniger häufigen Konsummustern hin zu täglichem Gebrauch gegeben; dieser hat sich von 38% auf fast die Hälfte der Befragten erhöht. In geringem Maße hat es aber auch eine Verschiebung zu seltenem (weniger als monatlichem) Konsum gegeben.”

 Kamphausen und Werse fassen zur Konsumentwicklung zusammen:

 

“Es konnten sowohl Konsumreduzierungen durch (zeitweilig) schwierige Marktverhältnisse als auch Konsumsteigerungen zur Kompensation der Auswirkungen der Kontaktbeschränkungen beobachtet werden, wobei letztere deutlich häufiger waren. Auffällig waren die häufigen Nennungen von mit synthetischen Cannabinoiden belastetem CBD-Cannabis. Diese Beobachtungen zeigen einerseits die Ineffektivität, andererseits die spezifischen Gefahren des Cannabisverbots und somit die Notwendigkeit der in der Corona-Pandemie nochmals dringlicher gewordenen legalen Regulierung des Marktes auf.”

Situation auf dem Schwarzmarkt
Angesichts von Kontaktbeschränkungen und Ausgangssperren war die Frage nach der Versorgungslage naheliegend und wurde in beiden Erhebungen abgefragt. Hier halten die Autoren fest:
 

“Bei der Frage, wie sich die Versorgungslage seit Einführung der Einschränkungen wegen Covid-19 entwickelt hat, gab genau die Hälfte (50%) an, dass es keine Veränderungen gab. 40% meinten, die Verfügbarkeit sei schlechter geworden und 5%, die Verfügbarkeit sei besser geworden (weiß nicht: 5%). Im Vergleich zur ersten Befragung hat sich damit eine leichte Verschiebung von „schlechter“ zu „besser“ ergeben; dennoch geben weiterhin um ein Vielfaches mehr eine schlechtere Verfügbarkeit an.”

Die Forscher vermuteten bei ihrer ersten Erhebung Unterschiede in der Versorgung in Städten und ländlichen Gegenden. Dies bestätigt sich allerdings nicht, es konnten keine wesentlichen Unterschiede bezüglich der Größe des Wohnorts oder dem Grad der Urbanisierung festgestellt werden. Veränderungen konnten aber im Kauf- sowie Anbauverhalten beobachtet werden:

“Diejenigen, die eine schlechtere Verfügbarkeit nannten, wurden auch nach möglichen Maßnahmen zur Kompensation gefragt. Während 24% keine solchen Maßnahmen nannten, gaben 45% an, bei entsprechender Gelegenheit mehr auf einmal zu kaufen bzw. zu hamstern. 40% haben sich mindestens eine neue Quelle gesucht, 12% (mehr) Cannabis selbst angebaut und lediglich 6% verstärkt auf Onlinehandel zurückgegriffen.”

Während Online-Shopping in Zeiten der Lockdowns allgemein immer mehr Zulauf fand, hat sich dies bei Cannabis nicht wirklich geändert. Auch in der Corona-Zeit werden am häufigsten Privatdealer (42%) genannt, gefolgt von Freunden bzw. Bekannten (38%). 10% der befragten Konsumenten versorgen sich über Eigenanbau, nur 3% kauften online oder bei Dealern in der Öffentlichkeit (Straße/Park). 2% kaufen vorzugsweise im Ausland. Dementsprechend fällt auch das Fazit der Forscher aus:

 

“Auch rigorose Maßnahmen infolge der größten Krise seit dem 2. Weltkrieg haben also kaum zu einer effektiveren Durchsetzung des Cannabisverbotes beigetragen – zumal es (weiterhin) eine klare Tendenz zu mehr Konsum in der Krise gibt. Dieser Befund ist ein klarer weiterer Beleg dafür, dass das Betäubungsmittelgesetz nicht nur unverhältnismäßig, unangemessen, ungeeignet und nicht erforderlich ist, sondern seine eigenen Ziele (hier: Verknappung des Angebots) nicht erreicht.”

 

Synthetische Cannabinoide auf CBD-Hanf als vermeidbare Gesundheitsgefahr
Ein Thema, dass den Konsumenten hierzulande besonders unter den Nägeln brennt, wurde ebenfalls im Alternativen Drogen- und Suchtbericht behandelt: Die anhaltende Verbreitung von synthetischen Cannabinoiden, welche oftmals auf CBD-Blüten aufgetragen werden und mitunter tödlich wirken können. Nachdem 2019 erstmals in der Schweiz mit synthetischen Cannabinoiden versetzte CBD-Hanfblüten nachgewiesen wurden, wissen Konsumenten in Deutschland dank der Arbeit von legal-high-inhaltsstoffe.de spätestens seit Anfang 2020, dass auch hierzulande mit synthetischen Cannabinoiden verunreinigtes Cannabis im Umlauf ist. Ebenfalls um die Zeit begannen sich auch beim DHV Berichte von erfahrenen Konsumenten zu häufen, die über Panikattacken, Ohnmacht, Atemprobleme oder auch Halluzinationen und Krankenhausaufenthalte berichteten. Immer wieder wurde dies mit Verunreinigungen durch synthetischen Cannabinoiden in Verbindung gebracht. Seit Oktober 2020 wurden bei legal-high-inhaltsstoffe.de, die mittlerweile ein eigenes Labor eingerichtet haben, 460 Proben aus ganz Deutschland analysiert. Bei allen Proben bestand ein Verdacht auf synthetische Cannabinoide, da die Wirkung als auffällig und ungewöhnlich geschildert wurde. Bei 140 der eingesandten Proben (30 %) wurden tatsächlich synthetische Cannabinoide nachgewiesen.

“Sehr deutlich zeigte sich in den Beratungen die durch teils heftige Symptome ausgelöste Verunsicherung der Konsumierenden und das große Bedürfnis nach Substanzanalysen, dem aufgrund der hohen Nachfrage nur bei dringendem Verdacht auf Manipulationen nachgekommen werden kann”,

resümieren die Autoren Auwärter, Tögel-Lins und Werse.
Während Konsumenten von Legal Highs in Form von „Räuchermischungen“ bewusst synthetische Cannabinoide konsumieren, laufen Menschen, die Cannabis auf dem Schwarzmarkt kaufen, immer öfters Gefahr an aufgepepptes Cannabis zu geraten, welches um ein vielfaches potenter wirkt als THC – mit zum Teil tödlichen Auswirkungen. Die Autoren plädieren daher für einen regulierten Markt für Cannabisprodukte oder Drug-Checking-Angebote zur Vermeidung dieser Gefahren des Schwarzmarktes und kritisieren Aussagen der Drogenbeauftragten zum Thema:

“Daher wirkt es zynisch, wenn die Konsequenz der Drogenbeauftragten der Bundesregierung aus diesen Entwicklungen lautet, dass sie „viel davon halte, Cannabis und neue psychoaktive Stoffe auch weiterhin zu verbieten“ und man „statt sich in Legalisierungsdebatten zu verstricken, sich lieber verstärkt mit wirksamer Prävention auseinandersetzen solle“ (BKA, 2021. Damit hält sie an einem Konzept fest, das insbesondere im Licht der neueren Entwicklungen klar gescheitert ist.”