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Boston Vor zwei Jahren kam eine grere Studie zur Primrprvention mit Acetylsalicylsure (ASS) zu dem berraschenden Ergebnis, dass Senioren, die nach dem 70. Lebensjahr mit der Einnahme begannen, ein leicht erhhtes Krebsrisiko haben. Nach einer jetzt in Journal of the National Cancer Institute (JNCI 2020; DOI: 10.1093/jnci/djaa114) verffentlichten nachtrglichen Analyse knnte ASS vor allem das Krebswachstum im fortgeschrittenen Stadium frdern.

Die ASPREE-Studie (ASPirin in Reducing Events in the Elderly) hatte zwischen 2010 und 2014 insgesamt 19.114 ltere Menschen (16.703 in Australien und 2.411 in den USA) auf die tgliche Einnahme von 100 mg ASS oder Placebo randomisiert. Die Teilnehmer waren zu Studienbeginn ber 70 Jahre alt (bei Afroamerikanern und Hispanics, die ein erhhtes Herz-Kreislauf-Risiko hatten, betrug das Mindestalter 65 Jahre) und frei von Erkrankungen, nach denen der Einsatz von ASS indiziert ist.

Die Studie sollte untersuchen, ob ASS bei den Senioren eine hnliche primrprventive Wirkung erzielt, wie dies in frheren Studien fr jngere Menschen gezeigt werden konnte. Diese sterben seltener an atherosklerotischen Erkrankungen, die durch die Verlegung eines Blutgefes (Koronarie, Hirnarterie) mit einem Blutgerinnsel ausgelst wird. ASS kann dies manchmal verhindern, es kann allerdings auch eine schwere Blutung auslsen, weshalb sich die primrprventive Wirkung bei jngeren Menschen nicht durchgesetzt hat.

ASS hat bei jngeren Menschen auch eine krebsprventive Wirkung erzielt. In randomisierten Studien kam beispielsweise heraus, dass ASS die Bildung von Darmpolypen vermindert, die eine Darmkrebsvorstufe sind.

Die vor zwei Jahren vorgestellten Ergebnisse waren enttuschend. Nach 4,7 Jahren Einnahme gab es keine Anzeichen, dass ASS die Zahl der atherosklerotischen Erkrankungen senkt. Bei den krebsbedingten Todesfllen gab es sogar einen leichten Anstieg.

Ein Team um Andrew Chan vom Massachusetts General Hospital hat die Daten zu Krebserkrankungen jetzt noch einmal genauer analysiert. Von den 19.114 Teilnehmern sind 1.933 (10,1 %) im Verlauf der Studie an Krebs erkrankt, darunter waren 981 Personen in der ASS-Gruppe und 952 Personen in der Placebogruppe. Die meisten soliden Krebserkrankungen (1.270 oder 65,7 %) wurden im Frhstadium entdeckt. Nur bei 363 Patienten (18,8 %) hatte der Tumor bei der Diagnose bereits metastasiert. Die brigen Teilnehmer hatten Tumore, die bereits vor Studienbeginn metastasiert hatten (113 Teilnehmer, 5,8 %) oder sie waren an Leukmien/Lymphomen (187 Teilnehmer, 9,7 %) erkrankt.

Die Analyse ergab nun, dass ASS das Risiko von neuen Krebserkrankungen insgesamt nicht signifikant erhht (Hazard Ratio 1,04; 95-%-Konfidenzintervall 0,95 bis 1,14). Auch bei Tumoren im Frhstadium (Hazard Ratio 0,99; 0,89 bis 1,11) und bei Leukmien und Lymphome gab es keinen Anstieg (Hazard Ratio 0,98; 0,73 bis 1,30).

Erhht war einzig die Zahl der Teilnehmer mit einem metastasierten Krebs zum Zeitpunkt der Diagnose (Hazard Ratio 1,19; 1,00 bis 1,43) und hier insbesondere die Krebserkrankungen im Stadium 4 (Hazard Ratio 1,22; 1,02 bis 1,45).

Warum ASS das Wachstum von fortgeschrittenen Tumoren beschleunigen knnte, ist unklar. Chan vermutet, dass ASS durch die Hemmung der Entzndungsreaktion die krpereigene Krebsabwehr behindert. Warum dies vor allem bei lteren Menschen der Fall sein soll, deren Krebsabwehr in der Regel ohne vermindert ist und warum die Schwchung der Immunabwehr die Krebsabwehr in den Frhstadien nicht behindert, lsst Chan offen.

Die Frage, ob ASS das Krebsrisiko beeinflusst, ist derzeit Gegenstand mehrerer Studien. Dazu gehrt die ASCOLT-Studie, an der 1.587 Patienten mit Darmkrebs im Stadium Dukes B oder C teilnehmen. Die ADD-ASPIRIN-Studie untersucht bei 11.000 Teilnehmern die Wirkung von ASS auf das Wachstum verschiedener solider Krebserkrankungen (Brust, Prostata, Darm, sophagus-Magen).

Die ASAMET-Studie erkundet an 160 Patienten, ob ASS und Metformin bei Darmkrebs eine additive Wirkung haben. In der Studie PRODIGE 50-ASPIK werden 264 Patienten mit Darmkrebs und einer PI3K-Mutation behandelt. Alle Studien sind randomisiert und placebo-kontrolliert, so dass ihre Ergebnisse die Evidenz-basierten Entscheidungen zum ASS-Einsatz beeinflussen knnten. In welche Richtung lsst sich natrlich nicht vorhersagen. © rme/aerzteblatt.de



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