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Boston – Ein geringer Cannabiskonsum könnte sowohl eine höhere Spermienzahl zufolge haben als auch höhere Testosteronwerte. Das ergab eine Beobachtungsstudie mit fast 700 Männern, die in Human Reproduction veröffentlicht wurde (2019; doi: 10.1093/humrep/dez002). Einen kausalen Zusammenhang konnten die Studienautoren allerdings nicht nachweisen. Auch Hans-Christian Schuppe, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin, warnt vor voreiligen Schlussfolgerungen.

Frühere Studien hatten gezeigt, dass Cannabis sich nachteilig auf die Spermien­produktion auswirkt, insbesondere bei starkem Konsum. Der Einfluss eines moderaten Konsums ist jedoch weniger deutlich belegt.

Daher untersuchten Forscher von der  Harvard T.H. Chan School of Public Health in Boston die Auswirkungen des Rauchens von durchschnittlich 2 Marihuanajoints pro Woche unter 662 Männern, die zwischen 2000 und 2017 die Fertilitätssprechstunde am Massachusetts General Hospital Fertility Center besuchten.

Sie fanden heraus, dass die 365 Männer, die jemals Cannabis geraucht hatten, eine signifikant höhere Spermienkonzentration hatten als die 297 Männer, die nie Cannabis geraucht hatten – 63 Millionen Spermien pro Milliliter Sperma im Vergleich zu 45 Millionen/ml. Störfaktoren, die das Ergebnis beeinflussen könnten, wie Alter, Abstinenzzeit, Rauchen und Konsum von Kaffee, Alkohol und Kokain, wurden dabei berücksichtigt.

Ob die Männer aktuell Cannabis rauchten (n = 74) oder dies in der Vergangenheit getan hatten, wirkte sich nicht auf die Spermienkonzentration aus. Auch innerhalb der Cannabisgruppe beobachteten die Forscher einen Unterschied zugunsten der stärkeren Konsumenten. Der Testosteronspiegel jener Probanden, die häufiger rauchten, war durchschnittlich 8 ng/dl höher als bei denen, die seltener Cannabis konsumierten.

Fruchtbare Männer könnten risikofreudiger sein

Die Ergebnisse würden ihrer Anfangshypothese widersprechen, sagt Erstautor Feiby Nassan, Postdoc an der Harvard T.H. Chan School of Public Health. Eine mögliche Erklärung dafür: „Die Ergebnisse stimmen mit einer U-förmigen Beziehung überein, bei der ein niedriger Cannabiskonsum aufgrund der bekannten Rolle des Endocannabinoid­systems die Spermienproduktion fördern könnte.“

Erst bei einem höheren Konsum würde der positive Effekt umgekehrt. Ebenso plausibel erscheint Nassan die These, dass nicht cannabisrauchende Männer mehr Spermien haben, sondern umgekehrt fruchtbare Männer risikofreudiger sind, was den Drogenkonsum mit einschließt.

Ähnlich unerwartete Ergebnisse konnten bereits Studien zum Rauchen zeigen, ergänzt der Androloge Schuppe vom Universitätsklinikum Gießen und Marburg: Auch hier beobachteten Forscher höhere Testosteronspiegel bei Zigarettenrauchern im Vergleich zu Nichtrauchern (Cancer Causes & Control 2009; doi: 10.1007/s10552-009-9318-y). Zugrunde liegende Mechanismen sind jedoch unklar.

Spermienintegrität und -funktion bleiben unberücksichtigt

Auffällig findet der Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten, dass obwohl die Studienteilnehmer aus einer Fertilitätssprechstunde rekrutiert wurden, bei der Mehrzahl keine gravierenden Einschränkungen der Ejakulatqualität vorlagen. Die Welt­gesund­heits­organi­sation definiert mindestens 15 Millionen Spermatozoen/ml als Grenzwert für eine normale Spermienkonzentration.

Mehr als doppelt so viele Nichtcannabiskonsumenten hatten eine Spermien­konzentration von weniger als 15 Millionen Spermien/ml im Vergleich zu Cannabisrauchern (5 % versus 12 %). Zum Vergleich: Bei den Kokainkonsumenten in der Studiegruppe lag die Spermienkonzentration bei 12 % unter den WHO-Referenzwerten.

Ein weiterer Kritikpunkt sei, dass die Studie abgesehen von der DNA-Fragmentation Effekte von Cannabis auf die Spermienintegrität und -funktion unberücksichtigt ließe, erklärt Schuppe und verweist auf eine Übersichtsarbeit im Journal of Assisted Reproduction and Genetics (2015; doi: 10.1007/s10815-015-0553-8).

Beispielsweise konnten eine Spermien-Hyperaktivierung und eine Beeinträchtigung der Akrosomreaktion für delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) über Endocannabinoid­rezeptoren gezeigt werden. „Die Studienergebnisse dürfen daher keinesfalls dahingehend interpretiert werden, dass Marihuanarauchen die männliche Fertilität verbessert.“ Wie andere Noxen zähle Cannabiskonsum zu den bei männlichen Fertilitätsstörungen relevanten und korrigierbaren Lifestylefaktoren. 

Selbst die Studienautoren warnen davor, dass ihre Ergebnisse mit Vorsicht interpretiert werden sollten. Es gebe mehrere Einschränkungen in der Studie, die zufällig einen falschen Zusammenhang zutage gefördert haben könnten. © gie/aerzteblatt.de



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