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Berlin – Obwohl die zunehmende Ausbreitung resistenter Keime die Entwicklung neuer Antibiotika dringend notwendig macht, ziehen sich insbesondere die großen Pharmaun­ternehmen aus diesem Geschäftsfeld mehr und mehr zurück.

Der Grund: Mit Antibiotika lässt sich nur schlecht Geld verdienen. Sie werden in der Regel nur über kurze Zeit verordnet und sollten so umsichtig und selten wie möglich eingesetzt werden, um die Entwicklung von Resistenzen zu vermeiden.

Die Unternehmen konzentrieren ihre Forschungsanstrengungen deshalb auf lohnenswer­tere Felder wie die Entwicklung von Medikamenten gegen Krebs oder chronische Erkran­kungen. Das sind die Thesen der Journalisten des Norddeutschen Rundfunks (NDR), die sich heute Abend in der Sendung Panorama im Ersten mit dem Thema „Antibiotikakrise“ beschäftigen.

Sie haben für den Beitrag unter anderem Wissenschaftler und Experten der Weltgesund­heitsorganisation (WHO) befragt. Das Fazit: Der Markt versage an einem entscheidenden Punkt und die Politik müsse sich überlegen, wie das System verändert werden könne.

Neue Antibiotika und andere antibakterielle Therapien gegen Problemkeime und seit jeher schwer behandelbare Krankheiten wie Tuberkulose würden dringend gebraucht, erklärte auch der Verband forschender Arzneimittel (vfa) und räumte auf Anfrage ein, dass sich die Forschungslandschaft in den vergangenen Jahrzehnten verändert habe.

Im 20. Jahrhundert hätten sich insbesondere die Großunternehmen darauf konzentriert, Antibiotika zu entwickeln, die gegen möglichst viele Bakterien wirkten. In den vergange­nen 20 Jahren hätten sich dagegen vermehrt kleine und mittlere Unternehmen – die Zahl schwanke um die 50 – mit der Entwicklung von Antibiotika gegen sogenannte Problem­keime beschäftigt.

Seit 2011 seien in Deutschland elf neue Antibiotika auf den Markt gekommen, die auch gegen resistente Bakterien wirkten. Zwei Breitbandantibiotika seien in der EU bereits zu­gelassen, würden in Deutschland aber noch nicht vermarktet. Für sieben weitere Antibio­tika liefen in der EU derzeit die Zulassungsverfahren, sagte vfa-Sprecher Rolf Hömke dem Deutschen Ärzteblatt.

29 antibiotische Wirkstoffe in Phase II oder III der Klinischen Prüfung

Die bestehenden Anstrengungen reichten aber wahrscheinlich nicht aus, um den zuneh­men­den Resistenzen Herr zu werden. Beim vfa setzt man deshalb unter anderem auf die Zusammenarbeit zwischen Pharma- und Biotechunternehmen, Universitäten, öffentliche Einrichtungen, Nichtregierungsorganisationen und Stiftungen.

Diese Public-Private-Partnerships (PPP) sollen die Forschung und Entwicklung von Anti­bio­tika für Pharmaunternehmen auch wirtschaftlich attraktiv machen. „Es ist investitions­schädlich, wenn Unternehmen fürchten müssen, dass auch erfolgreiche Projekte für resis­tenzbrechende antibakterielle Medikamente mit einem finanziellen Defizit enden“, heißt es dazu in einem Positionspapier des vfa aus dem August 2019.

Als Beispiel für ein erfolgreiches PPP führte vfa-Sprecher Hömke die ursprünglich von der WHO und der Drugs for Neglected Diseases Intitiative gegründete Globale Partnerschaft für Antibiotikaforschung und -entwicklung (GARDP) an. Sie konzentriere sich auf Projekte, die von Unternehmen wegen fehlender Wirtschaftlichkeit nicht im Alleingang begonnen oder zu Ende geführt werden könnten. Ziel sei, bis 2023 bis zu vier neue Behandlungsop­tionen zu entwickeln, etwa gegen Gonorrhoe oder Sepsis bei Neugeborenen.

Zurzeit befänden sich 29 vielversprechende antibiotische Wirkstoffe in den Phasen II oder III der Klinischen Prüfung, erklärte der vfa-Geschäftsführer Forschung, Entwicklung, Inno­va­tion, Siegfried Throm. Das sei allerdings lediglich ein Drittel der neuen Wirkstoffe, die man eigentlich benötigte.

„Dafür brauchen die Firmen aber finanzielle Anreize. Denn sie haben kaum Umsätze zu erwarten“, sagte Throm. Denkbar seien verschiedene Modelle. Als Forschungsanreiz könne beispielsweise eine Prämie dienen, die bei erfolgreicher Markteinführung eines Antibiotikums gezahlt werde.

Eine Studie der Boston Consulting Group im Auftrag der Bundesregierung habe dafür eine Höhe von einer Milliarde Euro vorgeschlagen, die über drei bis fünf Jahre gestaffelt und an Auflagen geknüpft ist. Dazu sehe sie eine effektive Pharmacovigilanz und niedrigere Preise für Entwicklungsländer vor, aber auch die Rückzahlung von Teilen der Prämie, wenn sich das Präparat als wirtschaftlich erfolgreicher erweise als gedacht.

Vorstellbar seien darüber hinaus auch Abnahmegarantien für eine bestimmte Menge eines neuen Medikaments zu einem fixen Preis. Das sei bei Impfstoffen bereits erfolg­reich angewendet worden. Insbesondere kleinere Unternehmen profitierten hier von ei­nem sicheren Absatzmarkt. „Diese Ansätze sind im Rahmen der G 7 diskutiert worden“, erklärte Throm. Passiert sei bisher jedoch noch nichts.

Mangel an Antibiotika ist Politikversagen

Politischen Handlungsbedarf sieht auch der deutsche Europaabgeordnete Peter Liese (CDU). „Der Mangel an neuen Antibiotika ist vor allen Dingen Politikversagen“, meinte er mit Blick auf die Recherchen der NDR-Journalisten. Man könne Unternehmen nicht vor­wer­fen, nicht in ein Produkt zu investieren, bei dem sie am Ende massiv draufzahlten.

„Deswegen brauchen wir einen gesetzlichen Rahmen, der die Unternehmen in die Lage versetzt und gegebenenfalls verpflichtet, diese Forschung durchzuführen“, so Liese. Eine solche Forschungsverpflichtung verknüpft mit wirtschaftlichen Anreizen gebe es bereits im Bereich der Kinderarzneimittel.

Das Europäische Parlament fordere seit Jahren, ein ähnliches System auch auf die Anti­biotikaforschung zu übertragen. Die Europäische Kommission habe darauf aber praktisch nicht reagiert.

Die neue EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides müsse sich dieses Themas drin­gend annehmen. Der Kampf gegen antimikrobielle Resistenzen ist ein Punkt, den auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ihrer neuen Gesundheitskommissarin ins Aufgabenheft geschrieben hat. © HK/aerzteblatt.de



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