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London – Junge Patienten in der ersten Episode einer Psychose gaben in einer inter­nationalen Fall-Kontroll-Studie häufig einen täglichen und hochdosierten Cannabiskonsum an. Er könnte nach Berechnungen in Lancet Psychiatry (2019; doi: 10.1016/S2215-0366(19)30048-3) in London für 30 % und in Amsterdam sogar für 50 % aller Psychosen bei jüngeren Menschen verantwortlich sein.

Psychiater beobachten schon seit Längerem, dass viele Patienten, die wegen einer ersten Episode einer Psychose in Behandlung sind, häufig starke Cannabiskonsumenten sind. Die Assoziation ist mittlerweile durch zahlreiche epidemiologische Studien belegt, die allerdings streng genommen eine Kausalität nicht beweisen können. Es bleibt möglich, dass die Patienten mit beginnender Psychose aufgrund ihre Erkrankung anfälliger für einen Cannabiskonsum sind, der dann Folge und nicht Ursache der Psychose wäre. Eine Dosis-Wirkungs-Beziehung wird jedoch als wichtiger Hinweis für eine Kausalität bewertet. Eine weitere Auffälligkeit ist, dass Psychosen in Städten, wo die Cannabisdroge leichter erhältlich ist, häufiger sind als auf dem Land. Dies gilt insbesondere für bestimmte Metropolen wie London, Paris oder Amsterdam.

Das „European Network of National Schizophrenia Networks Studying Gene-Environment Interactions“ (EU-GEI) hatte in einer früheren Untersuchung herausgefunden, dass die Inzidenz einer ersten Episode einer Psychose (FEP) im Südosten Londons 10-mal höher ist als in Santiago de Compostela, einem abgelegenen Wallfahrtsort in Spanien, wo vermutlich deutlich weniger Cannabis geraucht wird (JAMA Psychiatry 2018; 75: 36-46). Die regionale Häufung widerspricht jedenfalls der Lehrmeinung, dass die Schizophrenie in allen Ländern und Kulturen gleich häufig auftritt.

Die Cannabisdroge ist nicht nur in den Städten leichter erhältlich, der Gehalt der psychoaktiven Substanz Tetrahydrocannabinol (THC) ist dort auch deutlich höher. Die in Amsterdam erhältlichen Sorten „Nederwiet“ und „Nederhasj“ sollen 22 beziehungsweise 67 % THC enthalten. Das in London verbreitete „Skunk-like“ Cannabis enthält durchschnittlich 14 % THC, während in Ländern wie Italien, Frankreich und Spanien immer noch häufig pflanzliche Cannabisarten mit einem THC-Gehalt von weniger als 10 % verwendet werden.

Parallel zum Anstieg des THC-Gehaltes ist der Anteil an Cannabidiol (CBD) deutlich gesunken. CBD hat nur eine geringe psychoaktive Wirkung, ihm werden aber eine Reihe von günstigen medizinischen Wirkungen (entkrampfend, entzündungshemmend, angstlösend und gegen Übelkeit) zugeschrieben. CBD soll sogar eine antipsychotische Wirkung haben. Es könnte deshalb sein, dass in den Städten eine Droge angeboten wird, die immer ungesünder geworden ist und vielleicht das Psychoserisiko stärker erhöht als andernorts.

In der aktuellen Studie haben Marta Di Forti vom Institute of Psychiatry in London und Mitarbeiter 901 FEP-Patienten nach ihrem Cannabiskonsum befragt und die Antworten mit 1.237 gesunden Kontrollen verglichen. Die Teilnehmer kamen aus 11 Regionen von England (London und Cambridge), Frankreich (Paris und Puy de Dôme), den Niederlanden (Amsterdam, Gouda und Voorhout), Spanien (Madrid und Barcelona) und Italien (Bologna und Palermo) sowie einer Region Brasiliens (Ribeirão Preto).

266 FEP-Patienten (29,5 %) gaben an, dass sie täglich Cannabis konsumieren gegenüber 84 Personen (6,8 %) aus der Kontrollgruppe. Di Forti ermittelt eine Odds Ratio von 6,2 (95-%-Konfidenzintervall 4,8 bis 8,2), die nach Berücksichtigung von Kofaktoren auf 3,2 (2,2-4,1) sank. Der tägliche Cannabiskonsum könnte das FEP-Risiko demnach um mehr als das Dreifache erhöhen.

Hinzu kam, dass FEP-Patienten offenbar eine Vorliebe für Cannabisprodukte mit einem hohen THC-Gehalt haben. Insgesamt 37,1 % der FEP-Patienten gegenüber 19,4 % in der Kontrollgruppe gaben an, schon einmal Cannabisprodukte mit einem geschätzten Gehalt von mehr als 10 % THC konsumiert zu haben. Für den täglichen Konsum von Cannabis mit mehr als 10 % THC ermittelt Di Forti sogar eine Odds Ratio von 4,8 (2,5-6,3).

In einer Berechnung der sogenannten „Population Attributable Fraction“ (PAF) kommt Di Forti zu dem Ergebnis, dass in den 11 Regionen im Durchschnitt 12,2 % (3,0-16,1 %) der FEP-Fälle vermieden werden könnten, wenn dort keine hochdosierten THC-Produkte mehr verfügbar wären. In London betrug der PAF 30,3 % (15,2-40,0 %) und in Amsterdam sogar 50,3 % (27,4-66,0 %). Das Verbot der hochdosierten THC-Produkte könnte demnach das Gesundheitswesen deutlich entlasten, sofern den Assoziationen tatsächlich eine Kausalität zugrunde liegt.

Eva Hoch, die am Klinikum der Universität München eine Forschungsgruppe Cannabinoide leitet, hebt die Qualität der Studie hervor, gibt aber zu bedenken, dass auch eine methodisch hochwertige Studie nicht alle Kovariaten erfassen damit kontrollieren könne. Die Frage mach der Kausalität bleibe deshalb unbeantwortet.

Abgesehen von diesen grundsätzlichen Bedenken, sollten nach Ansicht von Hoch jedoch Jugendliche und junge Erwachsene, vor allem aber Personen mit einem hohen Erkrankungsrisiko – zum Beispiel Kinder von Psychoseekrankten – gezielt über die Risiken von Cannabis im Zusammenhang mit Psychosen aufgeklärt werden.

Für Menschen, die bereits an einer Psychose erkrankt sind und Cannabis konsumieren, sei ein Konsumstopp sinnvoll. Studien hätten gezeigt, dass die Erkrankung dann einen viel besseren Verlauf nehmen könne. Cannabisspezifische Behandlungsprogramme könnten die Betroffenen dabei wirksam unterstützen.

Nach Meinung von Rainer Thomasius, dem Ärztlichen Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg, sollte die Studie ein Anlass sein, die Aufklärung über das Psychose-Erkrankungsrisiko durch regelmäßigen Cannabisgebrauch zu intensivieren. Die Studie sei ein weiterer Beleg dafür, dass eine Legalisierung von Cannabis in gesundheitspolitischer Hinsicht verheerende Folgen haben könne.

Auch für Ursula Havemann-Reinecke von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universitätsmedizin Göttingen zeigt die Studie, „wie viele andere Studien auch“, dass Cannabis keine harmlose Substanz ist. Cannabis sollte, so Havemann-Reinecke, nicht so einfach legalisiert und von der Wirtschaft reguliert werden. © rme/aerzteblatt.de



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