Tumor in der Brust /Axel Kock, stock.adobe.com

Nach einer Nutzenbewertung im Jahr 2016 und einem Addendum im Jahr 2018 hat sich das IQWiG erneut mit biomarkerbasierten Tests für Frauen mit primärem Brustkrebs befasst. /Axel Kock, stock.adobe.com

Köln – Biomarkertests für Frauen mit primärem Brustkrebs sollen Patientinnen identi­fizieren, die auf eine adjuvante Chemotherapie verzichten können, weil sie ein niedriges Rezidivrisiko haben. In der Regelversorgung angekommen ist bisher nur der Test Onco­type DX. Eine erneute Bewertung des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Ge­sundheitswesen (IQWiG) konnte keine weiteren Tests ausmachen, auf die ein vergleich­barer Nutzen übertragbar wäre.

Der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) hat 2019 den Einsatz des Tests Oncotype DX für bestimmte Frauen ohne Lymphknotenbefall in die Regelversorgung aufgenommen. In einer erneuten Recherche zum aktuellen Wissensstand beim primären Mammakarzinom sollte das IQWiG prüfen, ob weitere Tests in die Regelversorgung aufgenommen werden können.

Das Institut hat jedoch keine weiteren für diese Fragestellung relevanten randomisierten kontrollierten Studie (RCT) gefunden, wohl aber einige Prognose- und Konkordanzstu­di­en. Auf deren Basis hält das IQWiG eine Übertragung der Nutzenaussage auf andere Tests nicht für tragfähig – vor allem deshalb nicht, weil die Tests unterschiedliche Patientinnen der Gruppe „niedriges Rezidivrisiko“ zuordnen, so die Begründung.

Andere Tests nicht mit Oncotype DX konkordant

Es gibt mehrere Tests, die auf der Basis von Biomarkern (etwa den Expressionsprofilen verschiedener Gene) bestimmten Brustkrebspatientinnen die Entscheidung für oder ge­gen eine adjuvante Chemotherapie erleichtern sollen. Allerdings gibt es bislang nur für den Oncotype DX eine RCT, aus der sich ein Anhaltspunkt für einen Nutzen ableiten ließ.

Das ließe sich auf die anderen Tests übertragen, wenn sie zum Oncotype DX konkordant wären, also in etwa denselben Frauen ein niedriges, mittleres oder hohes Rezidivrisiko zuordnen würden.

Diese Konkordanz der Risikoklassifizierungen wurde in sieben Studien untersucht. Aller­dings wurden in keiner der Studien dieselben Oncotype-DX-Grenzwerte angesetzt wie in der RCT, was eine Beurteilung der Übertragbarkeit der Nutzenaussage erschwert. Auch wurde nicht zwischen über und unter 50-jährigen beziehungsweise post- und prämeno­pausalen Patientinnen unterschieden, was für diese Prüfung ebenfalls sinnvoll gewesen wäre, erläutert das IQWiG seine Entscheidung.

Die Testergebnisse stimmten nur zu 43 bis 74 Prozent überein, Sie schwanken stark in der Risikoeinschätzung für die getesteten Frauen. „Die Tests ordnen den Risikogruppen also jeweils unterschiedliche Patientinnen zu“, resümiert Institutsleiter Jürgen Windeler. „Das kann nur heißen, dass sie etliche Frauen übersehen, die auf eine Chemotherapie verzich­ten könnten, ohne dass sich ihr Rezidivrisiko relevant erhöht – und dafür etlichen ande­ren Frauen einen Verzicht nahelegen, obwohl keineswegs auszuschließen ist, dass der Krebs wiederkommt.“

Prognosen vergleichbar, Aussagekraft beschränkt

Das IQWiG hat auch zwölf prospektiv geplante Kohortenstudien mit mindestens fünf Jah­ren Beobachtungsdauer betrachtet. Bei sieben dieser Studien ist allerdings nicht sicher­ge­stellt, dass das Fehlen von Tumorproben zufallsbedingt ist. Die Möglichkeit einer sys­te­matischen, also krankheitsabhängigen Selektion verringert die Ergebnissicherheit die­ser Studien.

Die Mortalität der Niedrigrisikogruppen nach Verzicht auf Chemotherapie wurde in vier Studien untersucht. Sie war für Frauen ohne Lymphknotenbefall nach dem Oncotype DX (maximal 7 bis 14 Prozent) und nach drei anderen Tests (11 bis 13 Prozent) ähnlich. Auch das in zehn Studien untersuchte Risiko für eine Metastase nach Verzicht auf Chemotherapie war mit 5 bis 10 Prozent (Oncotype DX) respektive 6 bis 10 Prozent (fünf andere Tests) vergleichbar.

Allerdings unterscheiden sich die Anteile der in die Niedrigrisikogruppen eingeordneten Patientinnen ohne Lymphknotenbefall in diesen Prognosestudien eklatant. „Das Spek­trum reicht von 20 bis 86 Prozent der Frauen“, so Daniel Fleer, der im Ressort Nichtmedi­kamentöse Verfahren für den Rapid Report zuständig war. „Zusammen mit der teils gerin­gen Ergebnissicherheit dieser Studien stellt auch das die Übertragung einer Nutzenaus­sage von einem dieser Tests auf die anderen infrage.“ © EB/gie/aerzteblatt.de



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