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London – Eine genetische Funktionsstörung in einem Enzym, das ein körpereigenes Cannabinoid abbaut, hat einer 67-jährigen Frau aus Schottland zu einem offenbar fröhlichen Leben ohne Schmerzen und Ängste verholfen. Doch die Mutationen, die im British Journal of Anaesthesia (2019; doi: 10.1016/j.bja.2019.02.0199) vorgestellt wurden, schaffen im Alltag auch Probleme.

Die Frau aus Inverness am Loch Ness war den Ärzten aufgefallen, weil sie nach einer normalerweise schmerzhaften Trapezektomie – operative Entfernung des Os trapezium zur Behandlung einer Daumensattelgelenksarthrose  keine Schmerzmittel benötigte. Ein Jahr zuvor war sie nach der Implantation einer Hüftendoprothese ebenfalls ohne starke Schmerzmittel ausgekommen, was wohl auch bei früheren Operationen der Fall war.

Die Schmerzlosigkeit hatte jedoch eine Kehrseite. Bei der körperlichen Untersuchung entdeckten die Ärzte zahlreiche Narben an den Armen und auf den Rückseiten der Hände. Die Frau berichtete, dass sie sich häufiger verletze. Verbrennungen bemerke sie manchmal erst am Geruch des verbrannten Fleisches. Die Verletzungen würden sie jedoch nicht weiter stören, weil die Wunden bei ihr schneller abheilen würden als bei anderen Menschen. Die Frau gab auch eine Vorliebe für scharfe Gewürze an: Scotch-Bonnet-Chilis verursachen bei ihr ein kurzes angenehmes „Glühen“ im Mund.

Auffällig für die behandelnden Ärzte war auch das heitere Gemüt der älteren Dame. Der Anästhesist Devjit Srivastava von der NHS Klinik in Inverness beschreibt sie als äußerst gesprächig und gut gelaunt. In den Fragebögen GAD-7 („General Anxiety Disorder-7“) für Angststörungen und PHQ-9 („Patient Health Questionnaire-9“) für Depressionen erzielte sie jeweils das beste Ergebnis von 0 Punkten. Sie sei eine Optimistin, sagte die Frau. Auch in gefährlichen Situationen wie kürzlich bei einem Autounfall gerate sie niemals in Panik.

Etwas unangenehm waren der Frau die dauernden Aussetzer des Gedächtnisses. Sie vergesse manchmal mitten im Satz die Worte und habe ständig Probleme, ihre Schlüssel zu finden.

Srivastava überwies die Patientin an die Molecular Nociception Group am University College London, wo Abdella Habib und Mitarbeiter die Exome der Patientin, ihrer Mutter und ihrer beiden Kinder sequenzieren ließen. Die Forscher fanden 2 genetische Veränderungen auf dem Chromosom 1 in der Nähe des FAAH-Gens. Dies war einmal eine Mikrodeletion in einem sogenannten Pseudogen, das eigentlich kein funktionsfähiges Protein herstellt. Die andere Veränderung befand sich direkt neben dem FAAH-Gen und könnte deren Aktivität beeinflusst haben.

FAAH enthält die genetische Information für die Fettsäureamid-Hydrolase. Das Enzym ist für den Abbau von Anandamid zuständig. Anandamid ist ein Agonist am Endocannabinoid-Rezeptor. Das „körpereigene Cannabis“ hat eine stimmungsaufhellende Wirkung (die eine Motivation für den Cannabiskonsum ist) und eine analgetische Wirkung (eine Grundlage für den Einsatz von medizinischem Cannabis). Tierexperimentelle Studien haben gezeigt, dass Anandamid die Wundheilung beschleunigt. Aber auch eine Störung des Arbeits­gedächtnisses ist dokumentiert.

Die bekannten Wirkungen und Nebenwirkungen von Anandamid passen zum „Phänotyp“ der 67-jährigen Schottin, in deren Blut denn auch eine erhöhte Konzentration von Anandamid und einigen anderen Substraten der FAAH gefunden wurde. Habib vermutet, dass die genetischen Veränderungen zu einem Funktionsverlust der FAAH geführt haben. Die genetischen Mechanismen sind noch nicht genau erforscht. Das Pseudogen wird jedoch im Rückenmark an Orten der Schmerzweiterleitung exprimiert.

Die Frau stand offenbar ihr Leben lang unter den Einfluss einer erhöhten Konzentration von endogenen Cannabinoiden. Ob Cannabiskonsumenten sie darum beneiden sollten, bleibt dahingestellt. Vielleicht bewahrt ihr heiteres Gemüt die Frau vor Ängsten und Depressionen. Ihre erhöhte Vergesslichkeit dürfte jedoch auch Nachteile haben. Blessuren steckt sie offenbar leichter weg als andere Menschen, wegen der Schmerzlosigkeit läuft sie jedoch ständig Gefahr, sich ernsthaft zu verletzten. Und ihre Furchtlosigkeit könnte dazu führen, dass sie sich eher in gefährliche Situationen begibt. © rme/aerzteblatt.de



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