Das Fossil der Ur-Schildkröte Pappochelys wurde 2015 in Vellberg, Baden-Württemberg, von Paläontologen des Naturkundemuseums Stuttgart entdeckt. /SMNS, R. Schoch

Berlin – Ein in Süddeutschland gefundenes Fossil ist der bisher älteste Hinweis auf eine Krebserkrankung in der Natur. Der in JAMA Oncology (2019; doi: 10.1001/jamaoncol.2018.6766) vorgestellte Pappochelys, ein Vorfahr der Schildkröten, war vermutlich an einem Osteosarkom im Oberschenkelknochen erkrankt.

Krebserkrankungen treten meist im hohen Alter auf, und Schildkröten können bekanntlich sehr alt werden. Ob dies auch für Pappochelys rosinae galt, ist nicht bekannt. Paläontologen können zwar das Alter von Fossilien bestimmen, aber nicht unbedingt ihr Lebensalter. Erhalten sind meist nur die Knochen, weshalb auch die Möglichkeiten der Paläopathologie begrenzt sind. Meist finden die Vertreter dieser relativ neuen Disziplin in den Fossilien nur Hinweise auf ein traumatisches Ableben. Hinweise auf andere Erkrankungen sind selten. So war es denn ein Glücksfund, als 2015 im Steinbruch Schumann in Vellberg-Eschenau, Baden-Württemberg, ein Exemplar der Urschildkröte Pappochelys entdeckt wurde.

Auf dem Oberschenkelknochen der Urschildkröte entdeckten die Forscher einen merkwürdigen Auswuchs, den sie zunächst nicht deuten konnten. Anfangs vermuteten sie eine pathologische Knochenheilung. Doch die in der Berliner Charité durchgeführten Aufnahmen mit einer Mikrocomputertomografie zeigten, dass Pappochelys wohl eher an einem bösartigen Tumor des Knochens, einem Osteosarkom erkrankt war, der von der Knochenhaut, dem Periost, seinen Ausgang nahm. Die flächige Ausdehnung spricht laut den jetzt von einem Team um Yara Haridy vom Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung in Berlin vorgestellten Befunden gegen eine Exostose, eine gutartige Knochenbildung, im Volksmund auch „Überbein“ genannt.

Die spitzen Auswüchse des Knochengewebes auf der Außenseite schließen nach Einschätzung der Paläo­pathologen ein gutartiges Osteom oder ein ossifizie­rendes Fibrom aus. Für ein Osteosarkom sprächen die fehlende Beteiligung des Knochenmarks und die Abwesenheit großer blasen­förmiger lytischer Läsionen. Da andere Teile des Kno­chens frei von Veränderun­gen sind, kommt eine Stoffwechselerkrankung nicht als Ursache infrage. Auch die faltige, gepockte äußere Textur der Masse deutet nach Ansicht der Forscher auf ein Osteosarkom hin.

Die Ursache des Krebswachstums konnten die Urzeitforscher natürlich nicht ermitteln. Mitautor und Paläopathologe Bruce Rothschild vom Carnegie Museum in Pittsburgh wagt jedoch die Spekulation, dass „wahrscheinlich eine Genmutation“ Ursache der Krebserkrankung gewesen sei. Vielleicht sei es ja zum Ausfall eines Tumorsuppressor­gens gekommen, die heute beim Menschen eine mögliche Ursache des Krebs­wachstums sind. Klären könnte dies nur eine genetische Untersuchung, die allerdings in den Versteinerungen, die frei von organischem Gewebe sind, nicht mehr möglich ist.

Der Fund zeigt einmal mehr, dass Krebserkrankungen keine Erkrankung der Neuzeit sind. Krebserkrankungen sind nicht allein auf eine mit Schadstoffen belastete ungesunde Umgebung des Menschen zurückzuführen. Die Anfälligkeit für diese Krankheit reicht weit zurück in der evolutionären Geschichte der Wirbeltiere. Krebs ist weitaus älter als die Menschheit. © rme/aerzteblatt.de



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