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Essen – Die systematische Entfernung von Lymphknoten im Becken und im Bereich der Aorta hat in einer randomisierten klinischen Studie das progressionsfreie und Gesamtüberleben von Patientinnen mit fortgeschrittenem Ovarialkarzinom, bei denen eine komplette makroskopische Resektion des Tumors und seiner Metastasen gelungen war, nicht verbessert. Die im New England Journal of Medicine (2019; 380: 822-832) publizierten Ergebnisse stellen eine verbreitete Behandlungsstrategie infrage und könnten die betroffenen Frauen vor den Komplikationen einer aggressiven Operation schützen.

An der LION-Studie („Lymphadenectomy in Ovarian Neoplasms“) haben an 59 Zentren in Deutschland, Österreich, einigen benachbarten Ländern und in Südkorea 647 Patientinnen mit fortgeschrittenem Ovarialkarzinom (FIGO IIB-IV) teilgenommen, bei denen eine Entfernung der Metastasen, die bei diesem Tumor vor allem im Bauchraum auftreten, für möglich erachtet wurde. Um einen fairen Vergleich zu ermöglichen, wurden die Patientinnen erst während der Operation und nach der kompletten Entfernung der sichtbaren Tumormassen auf eine zusätzliche Lymphadenektomie oder keine Lymphadenektomie randomisiert. Primärer Endpunkt der Studie war das Gesamtüberleben.

Wie Philipp Harter von den Kliniken Essen-Mitte und Mitarbeiter berichten, wurden bei den 323 Patientinnen, die auf eine Lymphadenektomie randomisiert wurden, im Mittel 57 Lymphknoten (35 Becken- und 22 paraortale Knoten) entfernt. Diese Patientinnen lebten nach der Operation median noch 65,5 Monate, davon 25,5 Monate ohne Tumorprogression. In der Kontrollgruppe lebten die Patientinnen median noch 69,2 Monate, davon 25,5 Monate ohne Tumorprogression. 

Signifikante Vorteile für die Lymphadenektomie-Gruppe waren weder im Todesfallrisiko (Hazard Ratio 1,06; 95-%-Konfidenzintervall 0,83 bis 1,34) noch im Risiko auf Tumorprogression oder Tod (Hazard Ratio 1,11; 0,92 bis 1,34) erkennbar. 

Die systematische Lymphadenektomie belastetet die Patientinnen dagegen durch längere Operationszeiten (340 versus 280 Minuten) und einen höheren Blutverlust (650 versus 500 ml). Es wurden häufiger Bluttransfusionen (63,7 versus 56,0 %) und die Gabe von gefrorenem Frischplasma (36,3 versus 29,7 %) erforderlich. In der Lymphadenektomie-Gruppe kam es mit 12,4 versus 6,5 in der Kontrollgruppe fast doppelt so häufig zu schweren Komplikationen, und auch die Mortalität in den ersten 60 Tagen nach der Operation war mit 3,1 versus 0,9 signifikant erhöht.

Die Studie stellt nach Einschätzung des Editorialisten Eric Eisenhauer vom Massachusetts General Hospital, Boston, ein verbreitetes Dogma infrage, nach dem die regionalen Lymphknoten ein Rückzugsgebiet für Krebszellen sind, die sich dort dem Zugriff der Chemotherapie entziehen und später zum Ausgangsgebiet von Metastasen werden.

Auffällig sind die langen Überlebenszeiten der Patientinnen von mehr als 5 Jahren. Hier könnte zum einen die Auswahl der Patientinnen eine Rolle spielen. Die Teilnahme war auf Patientinnen beschränkt, bei denen eine makroskopisch komplette Resektion gelang. Zum anderen könnte eine Rolle spielen, dass nur Kliniken mit ausgewiesener Expertise in der Operation an der Studie teilnehmen durften. © rme/aerzteblatt.de



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