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Chicago – In den USA ist die Zahl der jungen Menschen, die nach der Anwendung von E-Zigaretten eine lebensgefährliche Lungenerkrankung entwickelten, weiter gestiegen. Die im New England Journal of Medicine (2019; doi: 10.1056/NEJMoa1911614, NEJMoa191238, NEJMoa1911614) vorgestellten Befunde zeigen, dass die Patienten an einer Lipidpneu­monie erkrankt sind.

Allergien und Infektionen konnten ausgeschlossen werden. Die US-Arzneimittelbehörde FDA prüft derzeit, ob das in vielen Liquids enthaltene Vitamin E-Acetat für die Lungen­schä­den verantwortlich sein könnte. Auffällig ist ein hoher Anteil von Patienten, die ille­gale Liquids mit Cannabiszusätzen verwendet haben.

Nach jüngsten Zahlen der CDC sind mittlerweile 450 Erkrankungen bekannt geworden. Darunter sind 5 Todesfälle. Ein weiterer Todesfall werde noch untersucht, teilte die Be­hörde am vergangenen Freitag der Presse mit. Die meisten Erkrankungen sind in den Staaten Illinois und Wisconsin aufgetreten.

Ein Team um Jennifer Layden von der Gesundheitsbehörde von Illinois in Chicago stellte die medizinischen Befunde der ersten 53 Patienten vor, die seit dem 10. Juli dort in ver­schiedenen Krankenhäusern behandelt wurden.

Die Patienten waren zwischen 16 und 53 Jahre (median 19 Jahre) alt und überwiegend männlichen Geschlechts und zuvor körperlich gesund: 16 Patienten hatten ein Asthma bronchiale und 18 Patienten mentale Erkrankungen in der Vorgeschichte.

Schleichende Entwicklung

Die Erkrankungen hatten sich laut Layden vor der Hospitalisierung über bis zu 61 Tage (median 6 Tage) schleichend entwickelt mit einer zunehmenden Dyspnoe, Husten und Brustschmerzen. Einige Patienten hätten auch über gastrointestinale Symptome (Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Bauchschmerzen) sowie über Fieber geklagt.

Die meisten Patienten seien vor der Hospitalisierung ambulant behandelt worden und hätten meist wegen einer vermuteten Infektion erfolglos Antibiotika (in der Regel Azi­thro­mycin) erhalten.

Bei der Aufnahme hätten die meisten Patienten eine Tachykardie und eine Tachypnoe aufgewiesen. Die Sauerstoffsättigung sei (soweit gemessen) auf 89 bis 94 % abgefallen. Zu den weiteren Befunden gehörten laut Layden Fieber und eine Leukozytose.

Nach dem Bericht hatten alle Patienten einen auffälligen Röntgenbefund des Thorax. In den Computertomografien, die bei 48 Patienten durchgeführt wurden, waren laut Layden Milchglasinfiltrate erkennbar, die auf interstitielle Veränderungen hindeuten. Bei 4 Pa­tien­ten war es laut der Studie zu einem Pneumomediastinum, bei 5 Patienten zu Pleura­ergüssen und bei einem Patienten zu einem Pneumothorax gekommen.

Lungenbiopsie durchgeführt

In einer bronchoalveolären Lavage, die bei 24 Patienten durchgeführt wurde, waren laut der Autoren lipidhaltige Makrophagen nachweisbar. Eosinophile Granulozyten (als Hinweis auf eine allergische Genese) seien nicht gefunden worden.

Bei 3 Patienten wurde eine Lungenbiopsie durchgeführt. Die Pathologen fanden laut des Berichts „leichte und unspezifische Entzündungszeichen, akute diffuse Alveolarschäden mit schaumigen Makrophagen sowie eine interstitielle und peribronchioläre granuloma­töse Pneumonitis“. Hinweise auf Krankheitserreger seien nicht gefunden worden.

Zwei Drittel der Patienten wurden Layden zufolge auf Intensivstationen behandelt. Bei einem Drittel sei eine Intubation durchgeführt worden. Bei 15 Patienten diagnostizierten die Ärzte ein akutes Atemnotsyndrom (ARDS), an dem ein Patient starb. Die anderen Pa­tien­ten sollen sich nach einer Behandlung mit systemischen Glukokortikoiden wieder erholt haben.

Ursache weiter unklar

Eine Ursache für die Erkrankung wurde bisher nicht gefunden. Alle Patienten hätten je­doch angegeben, vor der Erkrankung E-Zigaretten verwendet zu haben. Insgesamt 80 % hatten Liquids mit Tetrahydrocannabinol und 7 % Liquids mit Cannabidiol benutzt. Einige hatten neben den Cannabis-Liquids auch Nikotin verwendet.

Trotz der intensiven Befragung konnte laut Layden kein gemeinsamer Nenner gefunden werden. Es gebe keine bestimmte E-Zigarette, die von allen Patienten benutzt worden sei, und es seien keine sicheren Assoziationen mit einer der zahlreichen Chemikalien und Zusatzstoffe der E-Zigaretten erkennbar gewesen.

Die Liquids von E-Zigaretten enthalten laut dem Editorialisten David Christiani von der Harvard T.H. Chan School of Public Health in Boston mindestens 6 Arten von potenziell toxischen Verbindungen: Nikotin, Carbonyl-Verbindungen, flüchtige organische Verbin­dungen wie Benzol und Toluol, Partikel, verschiedene Spurenelemente aus den Aromen sowie bakterielle Endotoxine und Beta-Glucane aus Pilzen.

Für 2 Aromastoffe, Diacetyl und 2,3-Pentandiol sei bekannt, dass sie in den Atemwegs­epi­­the­lien die Genexpression verändern, was Auswirkungen auf den Aufbau und die Funk­tion der Zilien haben könnte, die für die Selbstreinigung der Bronchien zuständig sind.

Die 19 Fälle, über die Travis Henry und Mitarbeiter von der Universität von Kalifornien in San Francisco berichten, und die 6 Erkrankungen, die Sean Callahan und Mitarbeiter von der Universität von Utah in Salt Lake City behandelt haben, zeigen ähnliche klinische und pathologische Muster.

Sie deuten auf eine Inhalation von toxischen Substanzen hin, die unterschiedliche For­men einer interstitiellen Pneumonie, also einer Entzündung im Stützgewebe der Lunge ausgelöst haben. Allergische Reaktionen scheinen nicht vorzu­liegen, eine Überempfind­lichkeit auf chemische Reize jedoch möglich zu sein. Sichere Hinweise auf Infektionen wurden nicht gefunden. Die lipidhaltigen Makrophagen könnten einen Hinweis für die Aufklärung enthalten, meint Callahan.

Ein Verdacht auf eine Verbindung mit den Cannabis-Liquids liegt nahe. Die Aufklärung wird dadurch erschwert, dass die Droge in vielen Staaten illegal ist. Weil die Liquids dann nur auf dem Schwarzmarkt erhältlich sind, können sie nicht ohne weiteres untersucht wer­den. Die Zusammensetzung dürfte sehr variabel sein, da die Hersteller unterschiedli­che Methoden verwenden. Auch der Zusatz von toxischen Substanzen lässt sich vermut­lich nicht ausschließen.

Vitamin-E-Acetat möglicher Auslöser

Die US-Arzneimittelbehörde hält Vitamin-E-Acetat für einen möglichen Auslöser, da es in zahlreichen Liquids enthalten ist. Vitamin-E-Acetat sei zwar in zahlreichen Dermatika und Nahrungsergänzungsmitteln enthalten und dort bei der Anwendung sicher. Über die Aus­wirkungen nach dem Einatmen lägen jedoch nur begrenzte Daten vor, teilte die Behörde mit, fügte aber hinzu, dass es derzeit keine sicheren Belege dafür gebe, dass Vitamin-E-Ace­tat die Ursache der Lungenverletzungen sei. Die Verbraucher seien jedoch gut be­raten, Liquids mit Vitamin-E-Acetat zu meiden.

Die CDC rieten angesichts der unklaren Ursachen allen Anwendern von E-Zigaretten, darüber nachzudenken, ob sie weiterhin E-Zigarettenprodukte konsumieren. Personen, die E-Zigarettenprodukte verwenden, sollten auf Symptome wie Husten, Kurzatmigkeit, Brustschmerzen, Übelkeit und Erbrechen achten und bei gesundheitlichen Bedenken unverzüglich einen Arzt aufsuchen.

Dringend abgeraten wird davon, Liquids auf dem Schwarzmarkt zu erwerben. E-Ziga­rett­en sollten niemals von Jugendlichen, jungen Erwachsenen, schwangeren Frauen oder Nichtrauchern verwendet werden. © rme/aerzteblatt.de



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