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Boston – Obwohl mehrere Beobachtungsstudien auf ein erhöhtes Risiko von Depres­sionen bei Menschen mit Vitamin D-Mangel hingewiesen haben, blieb die Behandlung mit dem sogenannten Sonnenhormon in einer randomisierten klinischen Studie unwirksam, wie die jetzt im Amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2020; DOI: 10.1001/jama.2020.10224) publizierten Ergebnisse zeigen.

Wegen des niedrigeren Stands der Sonne und des häufigen Aufenthalts in geschlossenen Räumen leiden viele Menschen in höheren Breitengraden unter einem Vitamin D-Mangel. Das Vitamin ist zwar primär für die ausreichende Versorgung des Knochens mit Kalzium zuständig, wo es im Alter einer Osteoporose vorbeugen kann. Die Einahme von Vitamin D soll darüber hinaus jedoch noch weitere günstige Wirkungen haben.

In der Diskussion war beispielsweise ein Schutz vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. Die US-National Institutes of Health hatten dazu eine größere randomisierte Studie (VITAL) mit 25.000 Erwachsenen durchgeführt – mit enttäuschendem Ergebnis.

In der im November 2018 veröffentlichten Studie kam heraus, dass die Einnahme von täglich 2.000 IE Vitamin D3 (Cholecalciferol) über 5,3 Jahre Erwachsene im Alter von über 50 Jahren weder vor Krebs noch Herz-Kreislauf-Erkrankungen geschützt hat. Das traf auch auf die Einnahme von Omega-3-Fettsäuren zu, die ebenfalls in der Studie untersucht wurde.

Die Teilnehmer der VITAL-Studie waren zu Beginn der Studie nach psychischen Erkran­kungen befragt worden. Sie hatten außerdem den Gesundheitsfragebogen für Patienten (PHQ-8) ausgefüllt, der sich nach depressiven Störungen erkundigt.

Diese Befragungen wurden im Verlauf der Studie jährlich wiederholt. Olivia Okereke vom Massachusetts General Hospital in Boston und Mitarbeiter konnten deshalb ermitteln, wie häufig es unter der Einahme von Vitamin D oder Placebo zu depressiven Störungen gekommen ist. Die Analyse wurde auf die 18.353 Teilnehmer beschränkt, die zu Beginn der Studie keine Hinweise auf depressive Störungen hatten.

Die VITAL-DEP-Studie hatte 2 primäre Endpunkte. Zum einen war dies die Diagnose einer Depression oder eine klinisch relevante Verschlechterung im PHQ-8. Eines der beiden Ereignisse trat nach den jetzt vorgestellten Ergebnissen in der Vitamin D3-Gruppe bei 609 Patienten auf gegenüber 625 Ereignissen in der Placebogruppe.

Okereke ermittelt eine Inzidenz von 12,9 gegenüber 13,3 Ereignissen auf 1.000 Personen­jahre. Die Hazard Ratio von 0,97 war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,87 bis 1,09 nicht signifikant. Auch im zweiten primären Endpunkt, der Veränderung des PHQ-8, gab es keine Unterschiede. Das Ergebnis des Tests veränderte sich in beiden Gruppen kaum.

Die Differenz zwischen beiden Gruppen von 0,01 Punkten bei möglichen Ergebnissen im Test von 0 bis 14 Punkten war minimal und mit einem 95-%-Konfidenzintervall von minus 0,04 bis 0,05 nicht signifikant. Ebenso gab es keine Unterschiede in der Gesamt­zahl der Depressionen einschließlich der Neuerkrankungen und Rezidive.

Auch bei den Teilnehmern, die zu Beginn der Studie einen Vitamin D3-Mangel (unter 20 ng/ml) hatten, war kein Vorteil erkennbar. Die Teilnehmer, die Vitamin D3 einnahmen, erkrankten sogar tendenziell häufiger als die Teilnehmer der Placebo-Gruppe (Hazard Ratio 1,25; 0,84 bis 1,89).

Das weite 95-%-Konfidenzintervall erklärt sich aus der Tatsache, dass nur relativ wenige Teilnehmer (11,6 % der Gesamtgruppe) einen Vitamin D-Mangel hatten. Da die Teil­nehmer nicht von Ärzten untersucht worden waren, ist es auch möglich, dass nicht alle Erkrankungen erkannt wurden (was aber für beide Gruppen der Studie gilt).

Es ist unwahrscheinlich, dass in den nächsten Jahren eine ähnlich große Studie an Menschen mit nachgewiesenem Vitamin D-Mangel wiederholt wird.

Das Null-Ergebnis der Studie deckt sich zudem mit den Erfahrungen aus 12 von 13 früheren Studien, in denen Vitamin D3-Supplemente ebenfalls keinen Einfluss auf Depressionen oder mentale Störungen hatten. © rme/aerzteblatt.de



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